Hej,
Seit ich die Rabenkarte gezogen habe, bin ich in Richtung verschiedener Grenzen gegangen. Ich bin auf sie zugestapft, bin stehen geblieben, habe mich weiter vorgetastet oder bin einfach blind drauflos gegangen, bis ich gemerkt habe, dass ein Abgrund vor mir liegt. Ein Weilchen bin ich dort an der Schlucht entlang getapert, habe einen Fuß über der Leere schweben lassen, das, was dort vor mir lag betrachtet, gewittert, geschmeckt.
Aber jetzt habe ich genug davon, jetzt bin ich wieder hier und habe ein bisschen gelernt.
Eine dieser Grenzen fasst einen anderen Blogeintrag von mir auf: meine veganen Gedanken. Ich nehme es nicht als Unentschlossenheit, nicht als Aufgeben, nicht als Stehenbleiben, dass ich sie wieder abgelegt habe. Es ist viel mehr ein Weitergehen, nachdem ich ein bisschen links und rechts von meinem Weg geschaut habe. Ich habe versucht, ob es sich für mich richtig anfühlt, mich vegan zu ernähren, habe vegane Gedanken im Kopf gehabt und gemerkt, wo ich mit ihnen anecke, wo ich anecken möchte und wo sich diese Gedanken mit meinen Überzeugungen schneiden, sie brechen oder sich hoffnungslos mit ihnen zu verfangen. Es war sehr lehrreich und ich habe die neue Erfahrung ausgekostet.
Und daher kann ich hier absolut ruhigen Gewissens schreiben: Veganismus ist für mich nicht sinnvoll.
Es fühlt sich nicht gut an. Mein Körper fühlt sich nicht gut an. Mein Kopf fühlt sich nicht gut an.
Es ist nichts für mich und das kann auch nur ich beurteilen. Niemand sonst.
Vielleicht ändert sich das ja irgendwann einmal und es ist das richtige für mich, vielleicht auch nicht. Wer kann schon wissen, was passiert und was sich verändert.
Als ich vor Jahren begonnen habe, mich vegetarisch zu ernähren hatte ich Bilder im Kopf. Grausame Bilder. Das hat mir damals sehr weh getan und so geht es mir auch heute noch. Ich kann Filme über Tierleid nicht ertragen, nach ein paar Minuten habe ich einen dicken Kloß im Hals, bin zornig und traurig. Ich weiß, dass diese Bilder Realität sind, eine absurderweise als sehr normal empfundene Realität bzw. eine solche, die man gar nicht erst wahrnimmt. Das weiß ich jetzt genau so wie damals, aber ich habe diese Bilder nicht mehr andauernd im Kopf. Ich trage sie nicht mehr ständig mit mir herum, ich fühle mich nicht mehr traurig und krank, wenn ich jemanden sehe, der genüsslich in ein Wurstbrot beißt. Ich muss mich nicht mehr fast übergeben, wenn ich Bratwurstgeruch wittere. Ich denke nicht jeden Tag daran, wie grausam die Welt is(s)t. Manchmal, ja, da kommt mir das wieder hoch, da sehe ich, wie in der Mensa die Hälfte der Leute jeweils eine halbe, gebratene Ente auseinander rupfen und zerreißen und sehe da einen Organismus, der leben wollte, in Bratensoße liegen. Ja, manchmal passiert mir das. Aber das trage ich nicht die ganze Zeit bewusst mit mir herum.
Und ich habe dabei keine Stimme im Kopf, dir mir zukeift: „Du verdrängst es wie alle anderen! Du bist kein Stück besser!“
Früher wie heute fragen mich viele, warum ich Vegetarierin bin. Ich gebe kaum andere Antworten als früher, dennoch, ich habe den Eindruck, ich werde weniger angegriffen oder ausgequetscht als früher. Dieses krampfhafte Suchen und Stochern nach dem Fehler in meinem Vegetarier-Dasein scheint irgendwie reizlos geworden zu sein. Ich habe auch aufgehört, mir ständig Gedanken darüber zu machen, wie ich Nachfragen begegnen soll. Ich beantworte auch nicht mehr alle Fragen fundiert, ernst und genau. Ich schmunzele viel mehr hin und wieder über manche Fragen und sehe mich selbst mit einem Augenzwinkern. Ich missioniere niemanden. Ich spüre ganz genau, wenn Leute ein schlechtes Gewissen in meiner Anwesenheit bekommen oder nicht wollen, dass ich ihnen beim Essen zusehen muss. Und immer wieder kann ich lächelnd sagen, dass mir das nichts ausmacht, und dass ich die „omnis“ deswegen nicht weniger mag oder irgendwie verurteile.
Bleibe nur noch ich selbst. Bleibt nur noch diese Stimme, die da manchmal ruft: „Wenn du es wegen den Tieren tust, höre auf Milch zu dir zu nehmen, das ist noch viel schlimmer!“. Im Grunde kommt diese Stimme von einer extrem unzufriedenen Facette meiner Persönlichkeit. Dieser Teil von mir, der niemals Ruhe gibt, mit nichts zufrieden ist, immer mehr und immer besser sein will, schwarz-weiß sieht, keine „halben Sachen“ erträgt. Aber das ist auch nur ein Teil von mir, das macht mich nur zu einem winzigen Teil aus. Dieser Teil in mir treibt mich an, er ist nützlich, er schüttelt mich manchmal durch – aber ich stehe hinterher meistens dann doch fester da, wie zuvor. Ich brauche diesen Teil in mir, um mich immer wieder zu überdenken – aber er darf mich auch nicht aus der Bahn bringen.
Nein, das, was ich tue, wie ich mich verhalte, das fühlt sich für mich richtig und gut an, das ist, was ich tun möchte. So wie ich bin, kann ich vor mir selbst gerade stehen und eins mit mir sein. Ich fühle mich ausgeglichen, stehe sicher auf beiden Beinen, bin verwurzelt. Auch wenn ich genau so wie vor meinen Überlegungen ovo-lacto-Vegetarierin bin. (Oder auch nicht … warum eigentlich in diese Schublade quetschen? Aber das ist ein anderes Thema)
Wie andere Leute mich dabei sehen ist mir dehalb nicht egal, aber es betrifft mich nicht mehr so stark. Ich nehme es wahr, ich denke manchmal drüber nach, warum sie mich so sehen, aber im Endeffekt weiß ich dann doch, wer ich bin und das ich auch gemocht werde, wie ich bin.
Jetzt weiß ich wieder, wer ich bin. Ich habs wieder gefunden.
Danke.
Hej då,
Acalanthis